Über den eigenen Fensterrand hinaus

Warum das Handwerk unter Schulabgängern derzeit einen schweren Stand hat und wie es sich künftig aufhübschen sollte, erklärt Waldemar Dörr, Leiter der Fachschule für Glas-, Fenster- und Fassadentechnik in Karlsruhe.

Herr Dörr, an der Glasfachschule Karlsruhe haben Sie Räume und Lehrkräfte, um 40 jungen Glasern den Meisterschliff zu verpassen. Brauchen Sie diese räumlichen Kapazitäten überhaupt noch?

Waldemar Dörr: In unserer Meisterklasse sitzen derzeit 37 junge Frauen und Männer – da wäre durchaus noch Platz für den einen oder anderen. In den 1990er Jahren hatten wir pro Jahrgang noch 60 bis 80 Meisterschüler. Die Zahlen brachen in den 2000er Jahren völlig ein, da saß oft nur noch ein Dutzend Nachwuchskräfte in unseren Klassenräumen. Deshalb haben wir uns in den vergangenen drei Jahren neu aufgestellt.

Wie genau?

Waldemar Dörr: Mit neuen Lehrinhalten. In Baden-Württemberg ist der Glaser traditionell mit dem Fensterbauer gleichzusetzen. Dieses Profil reichte uns nicht mehr. Wir haben deshalb neue Inhalte integriert, damit der angehende Meister über den eigenen Fensterrand hinausschaut. Deshalb lernt er bei uns zum Beispiel das Glaskleben oder setzt sich mit dem Glasmöbelbau auseinander. Und kann daher zum Beispiel später beim Metzger oder Bäcker vor Ort auch die Glastheke reparieren. Das kommt an – nicht nur in Baden-Württemberg. Einer unserer Schüler kommt sogar aus Oldenburg.

Viele Glaserbetriebe klagen, dass es immer schwieriger wird, Lehrstellen zu besetzen.

Waldemar Dörr: Völlig zu Recht. Zumal in Bundesländern wie bei uns in Baden-Württemberg die starke Industrie den Rahm abschöpft. Sprich: die besten Schulabgänger für sich gewinnt. Gleiches gilt übrigens für die Sogwirkung der Universitäten.

Die Universitäten machen dem Handwerk Konkurrenz?

Waldemar Dörr: Und ob. Der Anteil der Abiturienten liegt inzwischen bei über 40 Prozent eines Jahrgangs. Seit 2013 gibt es mehr Studierende als Azubis. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder einmal studieren. Oder zumindest einen Beruf ausüben, der körperlich nicht anstrengt und bei dem man sich nicht schmutzig machen muss. Da hat das Handwerk einen schweren Stand. Dabei ist das ein interessanter Job, wenn man nur an die neuen Möglichkeiten denkt, die die Digitalisierung mit sich bringt.

Glas und Digitalisierung – wie passt das denn zusammen?

Waldemar Dörr: Genauso perfekt wie zu Stahl oder Aluminium. Der Werkstoff Glas kann immer mehr – denken Sie nur an die Touchscreens, die inzwischen überall Verwendung finden. Die Digitalisierung macht den Beruf des Glasers in Zukunft noch spannender, weil sich das traditionelle Handwerk mit den Möglichkeiten moderner Elektronik verbindet. Deshalb wird unsere Ausbildungsverordnung gerade verändert. Unsere Absolventen müssen sich ja zum Beispiel künftig mit dem Thema Smart Home und der Integration unserer Produkte auskennen. 

Was tut das Handwerk noch, um attraktiver zu werden?

Waldemar Dörr: Sicher noch zu wenig, aber erste Ansätze sind da. So denkt die Branche zum Beispiel seit einiger Zeit über einen Handwerks-Bachelor nach. Und vielen Handwerksbetrieben ist klar, dass sie aktiver um den Nachwuchs werben müssen als bisher.

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