Nachswuchs verzweifelt gesucht

Kostenloses Fitnessstudio, Finanzierung des Führerscheins oder ein dienstliches Smartphone:
Weil sie ihre Ausbildungsplätze immer schwerer besetzen können, werden Glaserbetriebe immer kreativer, wenn sie um qualifizierten Nachwuchs werben. Dabei ist ihr Handwerk ein Beruf mit Zukunft und besten digitalen Aussichten.

Er führt als einziger Betrieb seiner Art den Titel einer päpstlichen Hofglasmalerei, hat Kunden aus aller Welt in seiner Kartei, auf der langen Referenzliste stehen die Gerhard-Richter-Fenster im Kölner Dom genauso wie die bunte Riesen-Glaskuppel der zentralen U-Bahnstation im taiwanesischen Kaohsiung: Gründe genug anzunehmen, dass Bewerber den Derix Glasstudios in Taunusstein die Glastüren einrennen. Doch der renommierte Handwerksbetrieb hat ein handfestes Problem: „Seit zwei bis drei Jahren wird es immer schwieriger, unsere Ausbildungsplätze zu besetzen“, sagt Rainer Schmitt, Inhaber der Derix Glasstudios und der Glaserei Schmitt. „Bislang konnten wir unsere freien Stellen zwar besetzen, aber es dauert immer länger, bis sich ein geeigneter Bewerber meldet.“ 

Nicht nur Rainer Schmitt plagen Nachwuchssorgen: Jeder dritte Betrieb kann seine Ausbildungsplätze mittlerweile nicht mehr besetzen, im Osten ist es schon jedes zweite Unternehmen. Das ermittelte im vergangenen Jahr eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) unter 11.000 Betrieben. Manches Unternehmen wird angesichts dieser Not erfinderisch, lockt mit der Finanzierung des Führerscheins, mit einer Mitgliedschaft im Fitness-Studio oder übernimmt die Gebühren fürs Smartphone. Jeder zehnte Betrieb wirbt mit solchen Bonbons für sich – Tendenz steigend, so der Deutsche Industrie- und Handelstag. 

Auch die Azubis von Glasbau Frommen aus Offenbach trainieren auf Firmenkosten. „Wir wollen Rückenproblemen vorbeugen und das Angebot kommt bei den Jugendlichen sehr gut an“, sagt Melanie Oehler, die Frommen-Personalverantwortliche. Oehler hält regelmäßig an Schulen Vorträge, arbeitet mit den Arbeitsagenturen zusammen, ist auf Messen präsent – und investiert viel Arbeitszeit, um beim Nachwuchs für ihre Branche zu trommeln. „Wie abwechslungsreich der Glaserberuf ist, weiß von den Schülern ja keiner“, sagt Melanie Oehler. Auch nicht, welche Perspektiven und wie viel Sicherheit er biete. Wenn sich daran etwas ändern solle, „dann müssen wir Glaserbetriebe aktiver werden.“

Mehr Abiturienten = weniger Lehrlinge

Denn ob Glaser, Schneider oder Bäcker: Ganz generell entscheiden sich immer weniger Schulabgänger für eine klassische Lehre. Knapp 511 000 waren es 2016 nach Angaben des Statistischen Bundesamts – so wenig wie noch nie. Allein im Handwerk ist die Zahl der jährlich neu eingestellten Auszubildenden seit 2010 um mehr als 70 000 zurückgegangen. Hauptgrund für diese Entwicklung: Statt sich an die Werkbank zu stellen, setzen sich Schulabgänger heute lieber in den Hörsaal – schließlich haben inzwischen 41 Prozent der Schulabgänger Abitur.

Die demographische Entwicklung wird diese Situation weiter verschärfen: Weniger Schulabgänger, das bedeutet: immer weniger Bewerber. 2014 verließen 850.000 junge Menschen die allgemeinbildenden Schulen, im Jahr 2025 wird diese Zahl um 120.000 schrumpfen. Und selbst wenn junge Menschen sich für eine Ausbildung entscheiden, wählen sie vor allem klassische Handels- und Kaufmannsberufe: Von den knapp 517.000 Jugendlichen, die laut Statistischem Bundesamt 2015 einen Ausbildungsvertrag unterschrieben haben, entschieden sich unter rund 300 möglichen Lehrberufen 522 für den Beruf des Glasers . Sie starten ihre Lehre in einem der bundesweit 4.000 Glaserbetriebe – das Gros der jungen Leute kommt dann in einem Unternehmen mit fünf bis sieben Mitarbeitern unter.

„Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder einmal studieren. Oder zumindest einen Beruf ausüben, der körperlich nicht anstrengt und bei dem man sich nicht schmutzig machen muss. Da hat das Handwerk einen schweren Stand“, sagt Waldemar Dörr, Leiter der Fachschule für Glas-, Fenster- und Fassadenbau in Karlsruhe (siehe Interview, Seite 18). Und wer sich doch für das Handwerk entscheidet, den zieht es in die Schreinerei, die Autowerkstatt oder eine Schlosserei.

Weiteres Handicap: Die Industrie zahlt deutlich besser, zudem bekommen etliche Handwerkskollegen wie Maurer oder Mechatroniker über Jahre am Monatsende deutlich mehr überwiesen. Allmählich ändert sich das, denn um konkurrenzfähiger zu werden, haben etliche Innungsbezirke in den vergangenen Jahren ihre Ausbildungsvergütung angehoben. Allerdings sind die Unterschiede von Bundesland zu Bundesland erheblich; im ersten Ausbildungsjahr reicht die Spanne von 220 bis 650 Euro im Monat.

Das Handwerk attraktiver machen

„Der globale Glasmarkt wird von ständigen Neuerungen bestimmt“, sagt Martin Gutmann, „da darf die Aus- und Weiterbildung des Glasers nicht hinterherhinken.“ (siehe auch Gastkommentar, Seite 37). Deshalb
plädiert der Bundesinnungsmeister des Bundesinnungsverbandes des Glaserhandwerks dafür, auch für das Glaserhandwerk möglichst zügig duale oder triale Studienmöglichkeiten zu etablieren, bei denen sich Lehre und Studium verknüpfen.

Dachdecker, Bäcker oder Karosseriebauer zum Beispiel haben als Absolventen eines trialen Studiums den Gesellen- und Meisterbrief genauso in der Tasche wie den Bachelor of Arts im Handwerksmanagement. „Solche zukunftsweisenden Angebote benötigen wir überall“, sagt Gutmann – auch, weil in den nächsten Jahren in tausenden von Handwerksbetrieben aus Altersgründen ein Führungswechsel an steht. „Für diesen Generationswechsel brauchen wir nicht nur Top- Handwerker, sondern auch erstklassige Köpfe.“

Moderner Image-Schliff

Die aber wollen zeitgemäß umworben werden: Statt mit altbackenen Posterstellwänden auf sich aufmerksam zu machen, verteilen erste Innungen nun USB-Sticks mit Informationen rund um den Glaserberuf. Viele
Firmen folgen dem Beispiel von Glasbau Frommen und sind regelmäßig an Schulen zu Gast, laden ganze Klassen in ihre Werkstätten ein oder bieten Schnupperpraktika an. Auch auf ihren Internetseiten.

„Da sich junge Menschen meist über Social Media informieren, heißt es an erster Stelle, auch im Web immer aktuell zu sein“, sagt Rainer Schmitt. Aus dem Webauftritt leiten viele Jugendliche dann den Innovationsgrad der Betriebe ab.

Glaser ade! Hallo Glastroniker!

Dabei befindet sich auch der Glaserberuf selbst schon mitten im digitalen Wandel. „Das macht ihn so interessant, aber das müssen wir den jungen Leuten auch transparent machen“, sagt Gutmann. Traditionell unterteilte sich das Handwerk grob in die Fachrichtungen Verglasen und Glasbau sowie Fenster- und Glasfassadenbau, hinzu kommen Kunstglaser, Glasveredler und Glasmaler. Beim Bau von Fenstern, Türen, Glaskuppeln, Wintergärten, Glasmöbeln, Duschen oder Solaranlagen beweist der Glaser sein Allroundtalent, denn er muss schneiden, brennen, ätzen, kleben und heißverformen können, bisweilen sogar lasern. Mit Materialien wie Holz, Kunststoff, Leichtmetallen geht er genauso selbstverständlich um wie mit Dämmstoffen oder Spezialfolien.

In Zukunft kommt nun die Elektronik dazu. Ob nun Projektionsfassaden, Fenster mit integrierter Alarmanlage und elektrischen Rollläden oder Brandschutzfenster sowie schaltbare Scheiben, die auf Knopfdruck
undurchsichtig werden: „Der Glaser muss sich heute auch mit Elektronik, vor allem mit Steuerungstechnik auskennen“, sagt Gutmann. Kammern, Innungen, Gewerkschaften und Ministerien brüten daher über einer
Neuordnung des Glaserhandwerks. Der „Glaser 2030“ nennt sich Glastroniker oder Fenstroniker; seine Ausbildungszeit wird um ein halbes Jahr auf dreieinhalb Jahre verlängert.

Glas kann immer mehr

Auch, weil Glas von der tumben Scheibe zum transparenten Alleskönner mutiert: So kommen erste Hightech-Glasduschen schon ohne klassische Armaturen aus, weil nicht mehr Mischhebel oder Drehknöpfe, sondern ein in die Glaswand integriertes Touchpanel die Wassertemperatur regelt. Vielleicht ist es für die Azubis schon bald auch ganz selbstverständlich, mit Holographiefolien zu arbeiten oder 3D-Scheiben einzusetzen, auf denen Filme laufen.

Aber letztlich egal, welche dieser bis vor kurzem als Science-Fiction-Vision empfundene Innovation bald Wirklichkeit wird: Damit die Zunft der Glaser eine Zukunft hat, da sind sich Gutmann, Oehler, Dörr und Schmitt einig, muss das Glaserhandwerk künftig viel stärker für sich werben. „Nur dann“, sagt Frommen-Personalerin Oehler, „werden sich die guten Aussichten möglichst schnell und mit großer Reichweite unter den 16- bis 20-Jährigen herumsprechen.“ Bei Frommen selbst scheint sich Oehlers Engagement schon auszuzahlen: Die beiden Ausbildungsplätze für das Lehrjahr 2017/18 hat der Betrieb jedenfalls schon im vergangenen Dezember vergeben.

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