Der im Glashaus wohnt

Anfangs nutzte er sie nur als Showroom für seine gläserne Möbelkollektion inzwischen hat er sie zum Lebensraum ausgebaut: Die Glashäuser des Mailänder Architekten Carlo Santambrogio.

Der Tisch? Aus Glas. Stühle und Regale? Gläsern. Die Treppe in die obere Etage? Transparent. Kurz: Im Glashaus, entworfen von Carlo Santambrogio, ist der Name Programm. Denn mit Ausnahme des Bodens besteht dort jedes Element in jedem Raum aus Glas. Jede Ecke, jede Ritze ist sichtbar. Einziger Bruch: dezente Röhren aus Stahl, in denen der Mailänder Architekt das Unvermeidbare ästhetisch verpackt: Leitungen für Wasser und Strom. Für die nötige Wärme im Winter sorgt eine Fußbodenheizung.

Nichts soll den visuellen Raum, seine Linien, sein Volumen stören – Santambrogios Ziel: Wohnen ohne Unterbrechung. „Wir wollten die Räume öffnen, in denen wir leben. So atmet das Haus im Wald den Duft von Sonne und Regen“, sagt der italienische Architekt. „Die Glashäuser leben die Landschaft, in denen sie stehen. Haus und Bewohner sind komplett in die Natur eingebettet. Wer darin wohnt, fühlt sich als Teil der Umgebung.“

„Funktional und komfortabel“

Zwei Versionen dieses Glashauses konstruierte Santambrogio gemeinsam mit seinem Partner Ennio Arosio: Das „Schneehaus“, das aus entsprechend dicken Scheiben besteht, soll den Widerständen in kalten Klimazonen trotzen. Das „Cliff House“ aus dünneren und leichteren Glaselementen ist für mildere Klimazonen konzipiert. Ein modulares Gitter aus transparenten Säulen, Wänden und Balken ermöglicht es, Größe und Aufteilung der Häuser an die Bedürfnisse der Bewohner anzupassen. „Das Glashaus ist die natürliche Evolution unseres Konzeptes, die wir ursprünglich auf Möbelstücke angewendet und dann in die Architektur übertragen haben. Der einzige Unterschied liegt in der Größe“, sagt Santambrogio. Sein Versprechen: In so einem Glashaus zu wohnen sei „100 Prozent funktional und komfortabel“ – zum Preis von rund 4000 Euro pro Quadratmeter, Grundstück nicht eingerechnet.

Und warum ausgerechnet Glas? „Es ist edel, absolut zeitgemäß, aber mit starken historischen Wurzeln“, sagt der Mailänder. „Aufgrund seiner Transparenz stellt Glas eine wunderbare Synthese dar aus Vergangenheit und Gegenwart, Präsenz und Abwesenheit.“ Oder, anders gesagt, „die Wut und den Frieden der Elemente“.

Blick ins Unendliche

Eine extravagante Philosophie, die durchaus ihre Fans hat: In Umbrien etwa ließ ein Hausbesitzer sein Landhaus aus Backstein zum Glashaus umbauen. Statt der gemauerten Wände bilden – aus statischen Gründen – nur noch einige steinerne Säulen bilden das Gerüst. Glaswände geben nun den Blick auf die sanfte Hügellandschaft der italienischen Landschaft frei. Auch das Dach ist aus Glas, lässt den Blick ins Unendliche schweifen. Weitere Glashaus-Konstruktionen stehen in Paris und in Tel Aviv.

Nichts für Schüchterne

Klar ist aber auch: Für schüchterne Charaktere ist das Leben in den gläsernen Kuben nicht gemacht. „In einem transparenten Raum zu leben, bedeutet, aufgeschlossen zu sein. Es drückt die Lust aus,
verbunden zu sein“, sagt Santambrogio. Und wer sich dennoch vor allzu neugierigen Blicken schützen möchte? „Ganz einfach“, sagt Santambrogio. „Dem empfehle ich, von Zeit zu Zeit, einfach die Vorhänge zuzuziehen.“

 

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