Mann mit Durchblick

Vom Haifischbecken für den Zoo über spektakuläre Hotelpools bis zum Fischbecken fürs Wohnzimmer in Form eines Computerbildschirms: Der Düsseldorfer Ingenieur Max Kellermeyer baut spektakuläre Aquarien. In Europa kann dem Glaskünstler kaum jemand das Wasser reichen.

Neun Meter: So tief geht sein Blick nach unten. Auf ein paar Gäste, die sich im Fitnessraum gerade an Hanteln und Gewichten abarbeiten. Max Kellermeyer sieht sie nur verschwommen. Nicht wegen eines Sehfehlers: Um die Menschen unter ihm zu erkennen, muss Kellermeyer durch einige Kubikmeter Wasser hindurchgucken. Denn er steht am Beckenrand des Indoor-Pools des Schweizer Luxushotels Einstein
in St. Gallen. Ein Becken komplett aus Glas. Sein 75 Quadratmeter großer Boden trennt die Etagen und gewährt Einblicke in den darunter befindlichen Fitnessraum – ein architektonischer Kunstgriff und eine statische Meisterleistung in einem. Und Kellermeyers eigenes Werk: Er hat das spektakuläre Becken konstruiert und gebaut.

Ob Pools, Großaquarien für Zoos oder dekorative Fischbecken für das heimische Wohnzimmer in Form von Automobilen oder Computerbildschirmen: Kaum einer entwirft und baut spektakulärere Wasserwelten aus Glas als der 60-jährige Düsseldorfer. Einen mit seinen Fertigkeiten gibt es in Europa wohl kein zweites Mal. Kellermeyers Ansporn: „Ich will Unikate schaffen.“ 

Auch mit seinem aktuellsten Projekt für einen Zoo, bei dem sein Tunnelblick gefragt ist. Ein Aquarium für Meerestiere, eine begehbare Röhre für die Besucher inklusive. Zeitplan von der Idee bis zum Einzug der Fische: zwei bis drei Jahre, ein Millionenprojekt. Und hochkompliziert, sagt Kellermeyer. Noch hat er den Auftrag nicht in der Tasche. Aber in seinem Kopf setzt er schon erste Puzzlestücke zusammen. Malt sich aus, wie die Kräfte des Wassers wirken, geht im Kopf die einzelnen Konstruktionsschritte durch, immer und immer wieder. So macht er es bei jedem Projekt. Und so hat er es auch ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft: Sein 45 Tonnen schweres, zerlegbares Aquarium aus Stahl und Glas ist das größte seiner Art. Derzeit lockt es Kunden in ein Zoogeschäft in Duisburg – nach eigenen Angaben ebenfalls das größte der Welt. Das Aquarium hat die Fläche eines Appartements, seine Hülle bildet die Umrisse eines Brillanten nach und ist für Besucher über einen Durchgang begehbar. „Hobbys? Kenne ich nicht“, sagt Kellermeyer. Selbst beim Spaziergang denkt er an waghalsige Gebilde aus Stahl und Glas. „Ich bin ein ständiger Tüftler.“

Es begann mit einer Überschwemmung

Gerade erst hat er zwei Jahre lang für den Düsseldorfer Aquazoo gewerkelt. So lange hat er gerechnet, mit dem Team seiner Firma Aquacone Becken entworfen, Scheiben transportiert, montiert und poliert. Einige 100 Quadratmeter Acrylglas haben seine Mitarbeiter eingesetzt und abgedichtet, die Unterwasserlandschaften aus Beton mit Harz beschichtet. 630 Positionen füllten das Auftragsheft. Jetzt sind alle abgehakt. Wie er sich nach einem solchen Projekt belohnt? Indem er sich, oft Monate später, inkognito unter die Betrachter seiner Wasserwelten mischt. Und unbemerkt ihren Kommentaren lauscht: „Wenn die Menschen sich begeistern, dann gibt mir das ein Gefühl der Befriedigung“, sagt Kellermeyer. „Ein schönes Gefühl. Ein Bonbon.“

Solche inneren Triumphe hatte er freilich nicht vor Augen, als er vor 15 Jahren seine Berufung entdeckte. Denn seine Karriere als Aquarienbauer ist ausnahmsweise kein Resultat einer Tüftelei, die begann eher zufällig – mit einer Überschwemmung. Damals baute der Ingenieur und Statiker noch Messestände, unter anderem auch für Firmen aus der Tiernahrungsbranche. „Ihr Fischbecken wird auslaufen“, prophezeit er einem Aussteller –  weil sich sein Aquarium beim Befüllen ungleichmäßig abgesenkt hatte“, erzählt er. Und er behielt recht: In der folgenden Nacht überfluteten 1.000 Liter Wasser die Messehalle – am nächsten Morgen hatte Kellermeyer den Auftrag zum Bau eines neuen Aquariums in der Tasche. Und der blieb nicht der einzige. Dutzende von Großbecken hat das Unternehmen seither gebaut. Mittlerweile beschäftigt Aquacone in seiner Werkstatt sechs Mitarbeiter, in Spitzenzeiten doppelt so viele.

40 Meter hohe Glaswand

Die Prunkstücke für Zoos und Luxushotels sind dabei nur die eine, die öffentlich sichtbare Hälfte der Arbeit von Aquacone. Denn um die oft mehrere Quadratmeter großen Scheiben zu verkleben und zu transportieren, braucht es maßgeschreinerte Montagehilfen, größtenteils aus Holz. Kellermeyer beschäftigt neben Glasbauern Schreiner und Elektriker. „Wir sind unsere eigenen Werkzeugmacher. Anders geht es nicht.“ Neue, handwerklich ausgebildete Mitarbeiter lernen erst ein Jahr in der Firma, um ihren besonderen Anforderungen gerecht zu werden. Der hohe Spezialisierungsgrad macht Aquacone international zu einem gefragten Unternehmen. „Was wir können, können nur noch zwei oder drei weitere Firmen in Europa.“

Längst schweift Kellermeyers unternehmerischer Blick weiter, nach Asien. In Zhuhai existiert schon, was er noch bauen will: Im Aquapark Chimelong Ocean Kingdom im Süden Chinas trennt eine 40 Meter breite und acht Meter hohe Scheibe die Meeres- von der Menschenwelt. Auch wenn er eher nicht damit rechnet, mit einem vergleichbaren Projekt in Europa beauftragt zu werden – „denken darf man in solchen Dimensionen ja schon“, sagt Kellermeyer. Und tüftelt beim Spaziergang schon einmal die Verklebungen einer solch riesigen Glaswand aus.

Zuletzt angesehen